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Bewahrende Erneuerung: Europäische Friedensverträge online

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von Fabian Cremer und Thorsten Wübbena1

In der Geschichte Europas markieren die in Konflikten und Bündnissen geschlossenen Friedensverträge Grundpfeiler des heutigen Europas und gehören zum kulturellen Erbe. Die Forschung zu Friedensprozessen hat am IEG eine lange und vielfältige Tradition. Eine der wichtigsten Ressourcensammlung wurde jetzt neu aufgelegt: Die Datenbank und Online-Edition Europäische Friedensverträge der Vormoderne. An diesem Vorhaben kristallisieren sich viele Entwicklungen in den Digital Humanities der letzten zehn Jahre: Forschungsdaten, nachhaltige Infrastrukturen, digitale Editionsstandards, und der Umgang mit einem digitalen kulturellen Erbe.

Historische Quellen als Online-Ressource

(Nicht nur) für die Geschichtswissenschaft war der Ansatz des DFG-geförderten Forschungsprojektes „Europäische Friedensverträge der Vormoderne online“ progressiv: „die europäischen Friedensverträge der Zeit zwischen ca. 1450 und 1789 umfassend nachzuweisen, zu verfilmen, wissenschaftlich zu bearbeiten, zu digitalisieren und stufenweise im Internet zu veröffentlichen.“ Den Vorteil dieses Ansatzes formuliert der ehemalige Direktor des IEG und Projektleiter Prof. Dr. Heinz Duchhardt in seiner Einführung (2005):

„Hier wird nun konsequent die Chance des Internet genutzt. Dokumente, die aufgrund der Quellenlage bearbeitbar sind, werden, auch wenn sie das frühe 17. oder das mittlere 18. Jahrhundert betreffen, zu dem Zeitpunkt, zu dem sie editorisch abgeschlossen sind, als Digitalisat, mit Transkription und Kommentar ins Netz gestellt. Die Forschung profitiert von einem solchen Vorgehen nachhaltig und sofort, muss nicht Jahre und Jahrzehnte warten, bis das Werk in seiner chronologischen Reihenfolge abgeschlossen wäre […].“

Aber auch über die Nachhaltigkeit wurde sich Gedanken gemacht, weil den hohen Kosten und langen Wartezeiten der Printeditionen die unsichere Haltbarkeit und Resistenz der digitalen Medien entgegenstanden. Die Bedenken von 2005, „dass angesichts der Schnelligkeit des technischen Fortschritts elektronische Veröffentlichungen 20 oder 50 Jahre nach ihrer Produktion überhaupt nicht mehr gelesen werden können, weil die Systeme nicht mehr kompatibel sind“, sind heute real – d.h. bereits nach der pessimistischen Rechnung. Die Software der Friedensverträge ist heute nicht mehr lauffähig.

Daten als Ressourcen

Die begrenzte Lauffähigkeit der grafischen Benutzeroberfläche fiel bereits früher im Rahmen einer Bestandsaufnahme 2020 auf. Dennoch galt die erste größere Maßnahme dem eigentlichen Datenbestand. Die Daten waren bis dahin ausschließlich über die Oberfläche zugänglich und in einer nicht unabhängig nutzbaren SQL-Datenbank verstaut. Im von Text+ geförderten Kooperationsprojekt „Europäische Friedensverträge der Vormoderne in Daten“ (FriVer+) wurde 2023 der gesamte Informationsbestand zu den Verträgen aus der SQL-Datenbank extrahiert und in einem semi-automatisierten Transformationsprozess in einzelne XML-Dateien umgewandelt, deren Schema auf TEI P5 basiert.

Neben der Standardisierung ins TEI-XML-Format konnten die Daten auch erweitert und angereichert werden. So wurden etwa die verschiedenen römisch-deutschen Kaiser als Unterzeichner ausdifferenziert, auf der Grundlage zusätzlicher Recherchen eine größere Anzahl von Personen ergänzt, die im Text der Ausgaben erwähnt werden, und viele Personen- und Ortseinträge mit den zugehörigen GND-Identifiern versehen. Das Projekt hat so den FAIR-Prinzipien folgend die Online-Ressource in nachnutzbare Forschungsdaten umgewandelt, den Prozess ausführlich dokumentiert und über öffentliche und frei zugängliche Repositorien zur Verfügung gestellt.

Interface als Information

I don’t access ‘data’ through a web page; I access a web page that is structured so I can perform certain kinds of queries or searches. We know that the structure of an interface is information, not merely a means of access to it. The search and the query modes are what I see.

Johanna Drucker, Humanities Approach to Interface Theory, Culture Machine 12 (2011), https://culturemachine.net/the-digital-humanities-beyond-computing/.

Die präzise Beschreibung zur Bedeutung von grafischen Benutzeroberflächen von Drucker erinnert uns daran, dass die Bereitstellung der Daten für die Zugänglichkeit und Nutzbarkeit einer digitalen Ressource nur eine ergänzende Maßnahme sein kann. Der neue Datenbestand bildet hierfür die autoritative Informationsquelle – wenn an den Daten etwas geändert wird, soll dies die Oberfläche spiegeln. Die Lehren aus der Nutzung von komplexen Content-Management-Systemen und Datenbanken als schwer zu wartende Infrastrukturen wurden gezogen: Die neue Seite ist eine statische Webanwendung (basierend auf html und java-script), die ohne Datenbank auf einem Webserver lauffähig ist.

Die heterogene Erschließungstiefe und der historischen Quellen reicht von rudimentären Metadaten über Ort, Vertragspartner und Archivsignatur bis hin zu umfangreichen Kontextinformationen durch Inhaltsverzeichnisse, Kommentare und historische Ereignisse sowie Verzeichnisse von Archivbeständen, Druckwerken und Sekundärliteratur. Hinzu kommen mehrere digitale Repräsentationen wie die Digitalisate der Originalquellen und ausgewählter Druckwerke sowie die Herzstücke der Projektarbeit: die Transkriptionen und Editionen. Diese Voraussetzungen erschweren eine aufgeräumte Gestaltung, aber einige Elemente erscheinen jetzt zeitgemäßer: Die komplexe Suchmaske wurde durch eine facettierten Stichwortsuche ersetzt, für die Digitalisate steht eine flüssige Blätternavigation zur Verfügung und die Kontextinformationen werden über Akkordeonelemente und nicht länger über Pop-Ups eingeblendet. Spätestens mit den noch ausstehenden Verbesserungen in einer zweiten Iteration nach einer längeren Nutzungsphase werden die Friedensverträge als Online-Ressource noch umfänglicher nutzbar sein als in der ersten Auflage.

Datenkuration als Daueraufgabe

Die neue Weboberfläche wird voraussichtlich ebenfalls nicht mehr als 20 Jahre lauffähig sein. Aber anders als zum Zeitpunkt der ersten Edition ist dieser Umstand nicht mehr beunruhigend. Obwohl das IEG keinen Sammlungsauftrag besitzt und damit anders als andere Einrichtungen im Bereich der Forschungsinfrastrukturen nur schwer institutionelle Strukturen für digitale Sammlungen ausbilden kann, hat das Institut über mehr als ein Jahrzehnt stetig und erfolgreich in neue digitale Publikationsformate investiert und diese Angebote unter „IEG digital“ zusammengefasst. Mit der Einrichtung des DH Lab wurde dann 2019 eine institutionelle Struktur geschaffen, die unabhängig von temporär laufenden Projekten, Programmen und Agenden die Kuration der Online-Ressourcen als langfristige Daueraufgabe übernimmt.

Die organisatorische Bündelung der Aufgaben und Angebote ermöglicht einen effizienten Betrieb und effektiven Einsatz von Ressourcen und Kompetenzen. So lassen sich auch über Projektgrenzen hinweg langfristige Ziele verfolgen. Bei den Friedensverträgen wurden während der Datentransformation mögliche Weiterentwicklungen mitgedacht und bereits ein Prototyp entwickelt werden, der seit 2023 als Weiche zwischen der alten Datenbank und dem neuen Datensatz fungierte. Auf dieser Basis konnte 2025 die Neuentwicklung der Weboberfläche als Projekt aus den dann zur Verfügung stehenden Haushaltsmitteln des DH Lab gestartet werden. Mit der Umstellung auf die neue Oberfläche wird auch ein frischer Blick auf die Daten ermöglicht, weil alle vorhandenen, noch unstrukturierten Informationen direkt sichtbar werden und so der weitere Überarbeitungsbedarf identifiziert werden kann.

Nachhaltigkeit als Zusammenarbeit

Die Entwicklungen der Friedensverträge geben eine exemplarische Einsicht in die institutionelle Strategie für die Kuration von Online-Ressourcen am IEG. Das DH Lab verfolgt dabei vier Grundprinzipien – zuerst vorgestellt auf der DH Benelux 2024:

1. Minimale Technologie: Die langlebigsten und wartungsfreundlichsten Ressourcen in IEG digital basieren auf „einfachen“ Web-Technologien und folgten – wenn auch nicht immer intentional – einem Minimal-Computing-Ansatz. Die neue Web-Anwendung der Friedensverträge setzt ganz bewusst auf einen einfachen statischen Seitengenerator und XML-Dateien als primäre Datenbasis.

2. Getrennte Schichten: Die Trennung der präsentierenden grafischen Oberfläche von den informationstragenden Daten erleichtert nicht nur das Kuratieren. Die Erstellung eines Datensatzes bildet eine eigenständige wissenschaftliche Leistung und kann zudem als Ausgangspunkt für einen vollständigen Neuaufbau der Oberfläche dienen. Der Umbau der Friedensverträge folgt daher dieser Logik: erst erfolgt die Trennung der Schichten, dann die unabhängige Weiterentwicklung jeder Schicht.

3. Infrastrukturpartnerschaft: Gerade für kleinere Forschungseinrichtungen ohne größere IT-Infrastruktur ist der Betrieb von Online-Ressourcen nur schwer leistbar. Eine Zusammenarbeit mit größeren oder jeweils spezialisierten akademischen Informationsinfrastrukturen eröffnet hier große Potentiale, sofern diese Partnerschaften durch kontinuierliche Intermediation aufrechterhalten werden. Die Bereitstellung der Friedensverträge wurden erst durch die Zusammenarbeit mit dem Zentrum für digitale Editionen in Darmstadt (ZEiD) und dem Zentrum für Datenverarbeitung (ZDV) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz möglich.

4. Zusätzliche Investitionen: Ohne zusätzliche Ressourcen lassen sich Daten nicht erfolgreich pflegen, doch auch Zeitpunkt und Rahmenbedingungen finanzieller Investitionen sind entscheidend. Allein die Finanzierung des Projektes Friver+ durch das NFDI-Konsortium Text+ ermöglichte die umfangreichen Arbeiten zur Erzeugung der standardisierten TEI-XML-Datenbasis. Aber ohne die dauerfinanzierte Einheit des DH Labs wäre das Projekt nicht vorbereitet und nicht förderfähig gewesen. Auch hätten die prototypischen Entwicklungen der Oberfläche nach Projektende nicht in die jetzige Produktivumgebung überführt werden können.

Das Vorhaben der Friedensverträge veranschaulicht noch ein weiteres grundlegendes Prinzip: Zusammenarbeit. Erst durch das Zusammenkommen von institutionellem Wissen und dem persönlichen Engagement von Ines Grund als Leiterin der Bibliothek, der spezifischen Expertise von Jaap Geraerts und seiner Bereitschaft als Digital-Humanities-Post-Doc das Projekt zu übernehmen, sowie der Verknüpfung von experimenteller Forschung mit institutionellen Daueraufgaben im Forschungsdatenmanagement in einer institutionellen Einheit – dem DH Lab – wurde die Neuauflage der Friedensverträge ermöglicht.


Featured Image: Startseite der Online-Ressource Europäische Friedensverträge der Vormoderne, https://friedensvertraege.ieg-mainz.de/

  1. According to the Contributor Roles Taxonomy (CRediT), the shares in this contribution are as follows: Fabian Cremer (Conceptualization, Writing – original draft, Writing – review & editing), Thorsten Wübbena (Conceptualization, Writing – review & editing). []
Thorsten Wübbena
Thorsten Wübbena

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OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Fabian Cremer, Thorsten Wübbena (29. Mai 2026). Bewahrende Erneuerung: Europäische Friedensverträge online. DH Lab. Abgerufen am 15. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/16aml


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